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Research

Transparenz, Verständnis und Befürwortung im Kontext Schweizer Sachabstimmungen

Author:

Chantal Menzi

ZHAW Institute for Public Management, CH
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Abstract

Many voters do not understand voting proposals. There is evidence in the literature that transparency leads to greater understanding of government activity among the population. This study uses a survey experiment to investigate whether this also holds for the context of voting proposals. In addition, it analyzes whether the understanding of voting proposals influences their support. No significant effect of transparency on understanding was found. If the participants thought they understood the proposal, they were more likely to accept it or were more willing to pay money for the subjects of the proposal. On the other hand, whether they actually understood the proposal, had no effect on support.

 

Abstrakt

Viele Stimmberechtigte verstehen Abstimmungsvorlagen nicht. In der Literatur bestehen Hinweise darauf, dass Transparenz in der Bevölkerung zu mehr Verständnis für staatliche Tätigkeit führt. Die vorliegende Studie untersucht mithilfe eines Umfrageexperiments, ob dies auch für den Kontext von Sachabstimmungen gilt. Zudem wird analysiert, ob das Verständnis von Abstimmungsvorlagen deren Befürwortung beeinflusst. Es konnte kein signifikanter Effekt der Transparenz auf das Verständnis gefunden werden. Hatten die Proband/-innen das Gefühl, die Vorlage verstanden zu haben, nahmen sie diese eher an oder waren eher bereit, Geld für die Inhalte der Vorlage zu bezahlen. Ob sie das Gelesene tatsächlich verstanden haben, hatte hingegen keinen Einfluss auf die Befürwortung.

 

Résumé

De nombreux électeurs ne comprennent pas les propositions de vote. Il est prouvé dans la littérature que la transparence conduit à une meilleure compréhension de l‘activité gouvernementale par la population. Cette étude utilise une enquête expérimentale pour examiner si cela s‘applique également au contexte des propositions de vote. En outre, il est analysé si la compréhension des propositions de vote influence leur soutien. Aucun effet significatif de la transparence sur la compréhension n‘a été constaté. Si les participant/-es pensaient de comprendre la proposition, ils les ont accepté plus fréquentement ou étaient plus disposés à payer de l‘argent pour le contenu de la proposition. En revanche, le fait qu‘ils aient en fait compris ce qui était proposé n‘avait aucune influence sur le soutien.

 

Schlagwörter: Transparenz; Verständnis; Befürwortung; direkte Demokratie; Abstimmungen

 

Mots clés: Transparence; compréhension; soutien; démocratie directe; votation

How to Cite: Menzi, C. (2021). Transparenz, Verständnis und Befürwortung im Kontext Schweizer Sachabstimmungen. Jahrbuch Der Schweizerischen Verwaltungswissenschaften, 12(1), 60–75. DOI: http://doi.org/10.5334/ssas.157
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  Published on 09 Nov 2021
 Accepted on 19 Oct 2021            Submitted on 20 Jul 2021

1. Einleitung

Die Schweiz stellt als direkte Demokratie einen Sonderfall dar. Während das Volk in repräsentativen Demokratien die Möglichkeit hat, politische Vertreter/-innen zu wählen, können die Schweizer Stimmberechtigten zudem über Sachvorlagen abstimmen. Allerdings versteht ein beträchtlicher Anteil des Stimmvolkes die Abstimmungsvorlagen nicht (Delli Carpini & Keeter 1996; Mettler 2011). Dies ist problematisch, denn oftmals entscheiden sich Stimmberechtigte nicht für die Option, die ihnen persönlich am meisten nützt oder stimmen aufgrund von Verständnisproblemen nicht gemäss ihren Ansichten (Gruner & Hertig 1983). So glaubten 1979 beispielsweise 15 Prozent der Nein-Stimmenden bei der «Atominitiative» fälschlicherweise, gegen den Bau von Atomkraftwerken zu stimmen. Gemäss Skeptiker/-innen der direkten Demokratie ist die Stimmbürgerschaft nur begrenzt fähig, die komplexen politischen Probleme zu verstehen. Sartori (1992) ist sogar der Meinung, die direkte Demokratie müsse an der Inkompetenz ihrer Stimmbürger/-innen scheitern.

Fraglich ist, wieso das Verständnis des Stimmvolks so gering ist. Vertreter/-innen der Verhaltensökonomie sind der Ansicht, dass der öffentliche Diskurs im Vorfeld einer Abstimmung viele Stimmbürger/-innen verwirrt. Sie haben Mühe, die vorgebrachten Argumente, Lösungen und Szenarien einzuordnen und fühlen sich von der Informationsflut überfordert (Grimmelikhuijsen 2010; Lindblom 1959; Cronin 1989; Magleby 1984). Insbesondere bei komplexen Sachvorlagen sinkt die Stimmbeteiligung – vor allem bei unteren sozialen Schichten (Schattschneider 1960; Linder 2012; Reilly & Richey 2011). Aus demokratietheoretischer Sicht, welche die unverfälschte und gleiche Partizipation aller als Ausgangspunkt nimmt (Scharpf 1970), stellt dies ein Problem dar.

Obwohl die vom Bund publizierten Abstimmungsunterlagen im Vorfeld on Sachabstimmungen Klarheit schaffen sollen (Bundeskanzlei 2020), werden sie oftmals kritisiert, weil sie für viele Stimmbürger/-innen nicht verständlich seien (Stadelmann-Steffen & Foehn 2018). Eine Möglichkeit, die Verständlichkeit zu erhöhen, ist Transparenz. Für repräsentative Demokratien haben Porumbescu et al. (2017) Hinweise darauf gefunden, dass Transparenz bei der Bevölkerung zu mehr Verständnis für die staatliche Tätigkeiten führt. In Bezug auf Sachabstimmungen in direkten Demokratien kann Transparenz als Kombination aus Detailgrad und Segmentierung konzeptualisiert werden (Porumbescu et al. 2017). Der Detailgrad gibt dabei an, wie viele Informationen zu einem Sachverhalt eine Abstimmungsvorlage enthält. Segmentierung bedeutet, dass ein Fliesstext in kleine Abschnitte mit Überschriften unterteilt wird und innerhalb der Abschnitte mit Aufzählungszeichen gearbeitet wird (Merriënboer & Sweller 2010; Pollock et al. 2002; Sweller 2010). Ziel des vorliegenden Artikels ist es, zu analysieren, ob die Erkenntnisse von Porumbescu et al. (2017) auch für direkte Demokratien gilt und fragt deshalb erstens:

Beeinflusst die Transparenz von Abstimmungsvorlagen das Verständnis der Stimmbevölkerung?

Danach analysiert der vorliegende Artikel den Einfluss des Verständnisses auf die Befürwortung einer Abstimmungsvorlage. Selb (2008) hat Hinweise darauf gefunden, dass Stimmberechtigte, die eine Abstimmungsvorlage nicht verstehen, häufiger «Nein» abstimmen, weil sie die Risiken einer Annahme weniger gut einschätzen können als diejenigen einer Ablehnung. Dies hänge damit zusammen, dass eine Ablehnung (in den meisten Fällen) dem Status Quo entspricht. Dies steht im Gegensatz zu Vertreter/-innen der Rational Choice Theorie, der zufolge der Stimmentscheid massgeblich durch den persönlichen Nutzen, welcher das Abstimmungsresultat mit sich bringt, beeinflusst wird (Downs 1957). Der vorliegende Artikel will daher untersuchen, ob das Verständnis von Sachvorlagen tatsächlich beeinflusst, wie Stimmberechtigte abstimmen. Die zweite Forschungsfrage lautet demnach:

Beeinflusst das Verständnis von Abstimmungsvorlagen deren Befürwortung?

Um die beiden Forschungsfragen zu beantworten, wird der vorliegende Artikel wie folgt gegliedert: In Kapitel 2 wird der aktuelle Forschungsstand präsentiert, woraus sechs Hypothesen abgeleitet werden. Danach wird in Kapitel 3 das methodologische Vorgehen erläutert. Die Resultate werden in Kapitel 4 präsentiert und in Kapitel 5 in den Kontext der bestehenden Literatur gesetzt. In Kapitel 6 werden die Forschungsfragen beantwortet, die Limitationen der Studie diskutiert und ein Ausblick gewagt.

2. Theorie

Die folgenden Abschnitte erläutern den aktuellen Forschungsstand zu den Zusammenhängen zwischen Transparenz, Verständnis und Befürwortung im Rahmen von Sachabstimmungen.

2.1 Verständlichkeit von Abstimmungsvorlagen

Wie einleitend beschrieben hat das Schweizer Stimmvolk die Möglichkeit, bei Sachfragen mitzubestimmen (Linder 2012). Die direkte Demokratie der Schweiz umfasst drei Hauptinstrumente, die dem Volksentscheid unterliegen. Das erste ist die Volksinitiative, welche sich auf eine Total- oder Teilrevision der Bundesbefassung beziehen kann. Werden innerhalb von 18 Monaten 100‘000 Unterschriften für einen Vorschlag gesammelt, kommt dieser vor das Volk (Art. 138 und 139 BV). Zweitens besteht das obligatorische Verfassungsreferendum. Jede vom Parlament vorgeschlagene Verfassungsänderung sowie der Beitritt zu supranationalen Organisationen oder Organisationen kollektiver Sicherheit untersteht dem Volksentscheid (Art. 140 BV). Drittens kann das Stimmvolk auch auf Gesetze Einfluss nehmen, denn diese unterstehen dem Referendumsvorbehalt. Falls 50‘000 Unterschriften innerhalb von 100 Tagen ab der amtlichen Veröffentlichung gesammelt werden, stimmt das Volk über das Gesetz ab (Art. 141 BV).

Das Schweizer Stimmvolk hat demnach viele Einflussmöglichkeiten und wird mehrmals jährlich zu seiner Meinung befragt. Zwischen 2011 und 2020 wurde auf Bundesebene pro Jahr durchschnittlich über 8.4 Sachvorlagen abgestimmt (BFS 2021). Hinzu kamen Vorlagen auf Kantons- und Gemeindeebene.

Diese Fülle an Vorlagen kann überfordern. Daher sollen die vom Bund publizierten Abstimmungsunterlagen im Vorfeld von Sachabstimmungen Klarheit schaffen (Bundeskanzlei 2020). Das «rote Büchlein» beinhaltet pro Vorlage einen Kurzüberblick mit den Empfehlungen von Bundesrat, Parlament und Initiativ- resp. Referendumskomitee. Danach folgen ausführliche Informationen zu den Sachvorlagen, die Argumente des Initiativ- resp. Referendumskomitees und des Bundesrates. Zudem werden die geforderten Anpassungen des Gesetzestexts präsentiert. Die offiziellen Abstimmungserläuterungen von Bund und Kantonen sind zudem über die Smartphone-Applikation «VoteInfo» einsehbar, wo die Inhalte auch anhand von Videos erklärt werden.

Wie bereits einleitend erwähnt, werden die vom Bund zur Verfügung gestellten Unterlagen allerdings häufiger kritisiert. Die Erläuterungen seien für viele Stimmberechtigte nicht verständlich (Stadelmann-Steffen & Foehn 2018; Bundesversammlung 2018).

Auch Linder (2012) argumentiert, dass insbesondere Fragestellungen im Rahmen von Sachabstimmungen einfach bleiben sollen: «Wer heute eine Erweiterung der Volksrechte […] mit zu komplexen Fragen fordert, stellt noch höhere Ansprüche an die Bürgerschaft. Dies führt nicht notwendigerweise zu grösserer Demokratiequalität, mit hoher Wahrscheinlichkeit aber zu mehr ‘Mittelschichtsdemokratie’» (Linder 2012 S. 314).

Vor diesem Hintergrund entstand die easyvote-Broschüre des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente. Diese hat zum Ziel, insbesondere jungen Stimmberechtigten Abstimmungstexte näher zu bringen. Gemäss einer Studie der Universität Bern sind diese Informationen sogar verständlicher als die Abstimmungserläuterungen des Bundesrats. Insbesondere die Erklärvideos wurden als sehr verständlich wahrgenommen (Stadelmann-Steffen & Foehn 2018).

Auch die Grüne Fraktion des Nationalrats setzte sich 2018 für verständlichere Abstimmungsunterlagen ein. In einer Motion forderte sie, Abstimmungserläuterungen in leichter Sprache anzubieten, wie das in anderen europäischen Staaten bereits der Fall ist (Bundesversammlung 2018). In ihrer Argumentation stützten sich die Motionssteller/-innen auf Angaben der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS). Diese geht davon aus, dass 800‘000 Menschen in der Schweiz einen einfachen Text nicht richtig verstehen, obwohl sie meistens die obligatorische Schulzeit durchlaufen haben (SAGS 2006). Durch die zusätzliche Veröffentlichung der Abstimmungserläuterungen in leichter Sprache könnten die Vorlagen diesen Gruppen trotzdem zugänglich gemacht werden. Die Motion wurde 2019 allerdings abgelehnt.

Es muss aber festgehalten werden, dass der Bund sich durchaus dafür einsetzt, Informationen verständlicher darzustellen. Über die «VoteInfo-App» teilt er Erklärvideos zu den einzelnen Vorlagen. Diese stellen die Informationen der Abstimmungsunterlagen in vereinfachter Form dar und erklären komplexe Sachverhalte zum Beispiel anhand von Fallbeispielen (BFS 2016).

2.2 Die Rolle der Transparenz

Der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International stuft Staaten nach deren wahrgenommener Transparenz ein. Er umfasst unter anderem Einschätzungen von Expert/-innen dazu, ob Informationen öffentlich verfügbar sind. Dabei stützt sich Transparency International zum Beispiel auf Daten der Weltbank oder des World Economic Forums (Transparency International 2020).

Die Transparenz der Schweiz wird allgemein als sehr gut eingestuft: Seit 2010 wurde sie konstant mit 85 von 100 Punkten oder höher bewertet. Auch 2020 erreichte sie 85 Punkte. Dies brachte ihr global den dritten Platz ein, welchen sie mit Finnland, Schweden und Singapur teilt. An der Spitze befinden sich Neuseeland und Dänemark mit 88 Punkten. Direkt hinter der Schweiz klassiert sind Norwegen mit 84 und die Niederlande mit 82 Punkten (Transparency International 2020).

Transparenz wird global als zentraler Erfolgsfaktor demokratischer Staatsführung gesehen, weil sie unter anderem die ökonomische Effizient und Verantwortlichkeit der Regierung fördert (Hood & Heald 2006; Pina et al. 2007). Nahezu alle OECD-Länder erlassen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einschneidende Reformen mit dem Ziel, die staatliche Transparenz zu erhöhen (Pollitt et al. 2004).

Gemäss Porumbescu et al. (2017) hat Transparenz einen weiteren positiven Effekt. Sie führt dazu, dass das Volk staatliche Tätigkeiten besser versteht. Um dies zu untersuchen haben Porumbescu et al. (2017) Transparenz als eine Kombination aus Detailgrad und Segmentierung konzeptualisiert. Konkret haben sie Teilnehmenden ihres Umfrageexperiments Informationen zur staatlichen Tätigkeit vorgelegt, welche unterschiedlich viele Angaben zu staatlichen Tätigkeiten beinhalteten und verschieden strukturiert waren. In ihrem Artikel haben Porumbescu et al. (2017) zudem kritisiert, dass ein grosser Teil der bestehenden Forschung einen positiven Effekt von Transparenz auf das Verständnis der Bevölkerung annimmt anstatt diesen zu untersuchen.

Vor diesem Hintergrund soll der vorliegende Artikel die Ergebnisse von Porumbescu et al. (2017) für den direktdemokratischen Kontext der Schweiz überprüfen und orientiert sich dabei an deren Konzeptionalisierung von Transparenz als Kombination aus Detailgrad und Segmentierung.

Bezüglich des Einflusses des Detailgrads von Texten auf das Verständnis der Leserschaft finden sich in der Literatur sowohl positive als auch negative Zusammenhänge. Auf der einen Seite wird argumentiert, dass detaillierte Texte den Leser an einen Sachverhalt heranführen und dieser die Thematik besser versteht (Boeri & Tabellini 2012; Cook et al. 2010; de Fine Licht 2014; Grigorieff et al. 2018). Das Problem der Literatur, welche dieser Argumentation folgt, besteht jedoch darin, dass die Bereitstellung und das Verständnis von Information oftmals gleichsetzt werden. Dies wird insbesondere von Forschenden kritisiert, welche Hinweise auf einen negativen Zusammenhang zwischen detaillierten Abstimmungsvorlagen und deren Verständnis finden (Fung 2013; Kriesi 2005; O’Neill 2006). Gemäss der Cognitive Load Theorie kann sich ein menschliches Gehirn nicht mehr als neun neue Informationen merken und nur vier davon gleichzeitig verarbeiten. Werden die Neuigkeiten nicht repetiert, werden sie nach 20 Sekunden wieder vergessen (Congdon et al. 2011; Merriënboer & Sweller 2010). Sind diese kognitiven Grenzen erreicht, fühlen sich die Adressaten überfordert (Chen et al. 2009; Lee & Lee 2004).

Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass noch unklar ist, welchen Einfluss der Detailgrad auf das Verständnis der Leserschaft hat. Das vorliegende Paper bezieht sich auf die Argumentation der Cognitive Load Theorie und geht für den Kontext von Sachabstimmungen von einem negativen Zusammenhang zwischen Detailgrad und dem Verständnis der Stimmbevölkerung aus.

Dabei wird in der Hypothesenformulierung zwischen objektivem und subjektivem Verständnis unterschieden. Subjektives Verständnis beschreibt, dass die Lesenden glauben, das Gelesene verstanden zu haben. Objektives Verständnis bedeutet hingegen, dass die Lesenden das Gelesene auch tatsächlich verstanden haben (Cook et al. 2010; Pintrich 1999).

H1.1: Je detaillierter eine Abstimmungsvorlage ist, desto schlechter verstehen sie die Adressat/-innen (objektives Verständnis).

H1.2: Je detaillierter eine Abstimmungsvorlage ist, desto weniger glauben die Adressat/-innen, sie verstanden zu haben (subjektives Verständnis).

Bezüglich Segmentierung ist sich die bestehende Forschung einig: Texte werden allgemein besser verstanden, wenn sie in kleine inhaltsspezifische Abschnitte aufgeteilt werden (Merriënboer & Sweller 2010; Pollock et al. 2002; Sweller 2010). Dadurch fällt es den Lesenden leichter, Schlüsselstellen im Text zu erkennen und sie können mehr Aufmerksamkeit auf dessen Interpretation legen (Clark et al. 2011; Merriënboer & Sweller 2010). Gemäss Sweller (2010) ist dieser Zusammenhang umso stärker, je neuer die Informationen für die Lesenden sind. Da Vorlagen zu Sachabstimmungen in den meisten Fällen neue Informationen beinhalten, werden für den direktdemokratischen Kontext der Schweiz folgende zwei Hypothesen formuliert, wobei wiederum zwischen objektivem und subjektivem Verständnis unterschieden wird:

H2.1: Je segmentierter eine Abstimmungsvorlage ist, desto besser verstehen sie die Adressat/-innen (objektives Verständnis).

H2.2: Je segmentierter eine Abstimmungsvorlage ist, desto eher glauben die Adressat/-innen, sie verstanden zu haben (subjektives Verständnis).

2.3 Verhaltensökonomie im Bereich des Abstimmungsverhaltens

Die Verhaltensökonomie untersucht, weshalb Menschen spezifische Entscheidungen treffen. Als Bindeglied zwischen Ökonomie und Psychologie bezieht sie sich in ihren Erklärungen auf die Irrationalität menschlichen Handelns. Also darauf, dass es für Menschen unmöglich ist, sämtliche Argumente zu einem Thema abzuwägen und entsprechend eine Entscheidung zu fällen (Thaler 2016).

Vertreter/-innen der Verhaltensökonomie, die sich mit dem Abstimmungsverhalten in direkten Demokratien auseinandersetzen, stellen einen positiven Effekt des Verständnisses einer Vorlage auf deren Befürwortung fest. Dies hängt damit zusammen, dass Individuen, welche die Folgen einer Sachvorlage verstehen, eher bereit sind, den Status Quo zu verändern, also die Vorlage anzunehmen (Cook et al. 2010; Jilke 2015; Madrian 2014; Selb 2008).

Auch Forschende aus anderen Disziplinen fanden Hinweise darauf, dass Stimmberechtigte, die eine Vorlage nicht verstehen, häufiger «Nein» stimmen (Bowler et al. 1991; Bowler & Donovan 2000; Lijphart 1997).

Neben der Verhaltensökonomie besteht jedoch eine grosse Vielfalt an Theorien, welche ebenfalls versuchen, das Abstimmungsverhalten zu erklären. Vertreter/-innen der Rational Choice Theorie beispielsweise gehen im Gegensatz zur Verhaltensökonomie von der Rationalität menschlichen Handelns aus. Ein/-e Stimmberechtige/-r wägt die persönlichen Vor- und Nachteile, welche die verschiedenen Abstimmungsresultate mit sich bringen würden, gegeneinander ab und entscheidet sich für die Variante, die seinen/ihren Nutzen maximiert (Downs, 1957). Ein anderer Klassiker bezieht sich auf gesellschaftliche Konfliktlinien zwischen Kapital und Arbeit, Kirche und Staat, Stadt und Land sowie zwischen Zentrum und Peripherie (Lipset & Rokkan 1967). Je nachdem auf welcher Seite der Konfliktlinien sich ein/-e Stimmberechtigte/-r befindet, entscheidet er/sie sich unterschiedlich. Zudem bestehen Studien, die den Stimmentscheid darin begründet sehen, ob ein/-e Stimmberechtigte/-r dem Staat vertraut (Edlund 2006; Shwom et al. 2010) oder ob jemand generell der Ansicht ist, dass staatliche Aufgaben ausgebaut werden sollten (Bryson und McDill 1968).

Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit, ob das Verständnis von Abstimmungsvorlagen tatsächlich deren Befürwortung beeinflusst. Der Theorie der Verhaltensökonomie folgend werden hierzu die folgenden beiden Hypothesen formuliert:

H3.1: Je besser die Adressat/-innen eine Abstimmungsvorlage verstehen (objektives Verständnis), desto eher befürworten sie diese.

H3.2: Je besser die Adressat/-innen glauben, eine Abstimmungsvorlage zu versehen (subjektives Verständnis), desto eher befürworten sie sie.

Die sechs Hypothesen werden im Rest der Arbeit getestet. Im folgenden Kapitel wird die Methode präsentiert, mit deren Hilfe dies geschieht.

3. Methode

Die Daten der vorliegenden Studie wurden vom 25. Februar bis 22. März 2020 online über Qualtrics mit Hilfe eines Umfrageexperiments erhoben. Verbreitet wurde es über unterschiedliche Verteiler der ZHAW, andere Schweizer Hochschulen sowie über persönliche Kontakte der Autorin. Die Proband/-innen wurden zudem dazu aufgefordert, das Umfrageexperiment in ihrem Bekanntenkreis zu teilen. Das Ziel dieses Vorgehens war es, eine Annäherung der Stichprobe an die Grundgesamtheit – die Schweizer Stimmbevölkerung – zu erreichen, weil dadurch nicht ausschliesslich junge, hochgebildete Studierende mit einem tiefen Einkommen befragt wurden.

Insgesamt nahmen 316 Proband/-innen am Umfrageexperiment teil. Nach Ausschluss unvollständiger Antworten bestand der Datensatz aus 268 Fällen. Wird das Geschlecht binär betrachtet, besteht die Stichprobe zu 61 Prozent aus Frauen und zu 39 Prozent aus Männern. Die Schweizer Stimmbevölkerung umfasst hingegen 52 Prozent Frauen und 48 Prozent Männer (BFS 2019). Der Vergleich der Stichprobe und der Grundgesamtheit bezüglich Alter ist in Tabelle 1 abgebildet. Aufgrund dieser Daten muss festgehalten werden, dass die erhobene Stichprobe nicht repräsentativ für die Schweizer Stimmbevölkerung ist.

Tabelle 1

Altersverteilung in Stichprobe und Grundgesamtheit.

Altersgruppe Stichprobe Grundgesamtheit (BFS 2019)

0–19 Jahre 3 % 20 %
20–39 Jahre 60 % 23 %
40–64 Jahre 32 % 34 %
65–79 Jahre 2 % 16 %
80 Jahre und älter 3 % 6 %

3.1 Stimuli des Umfrageexperiments

Den Proband/-innen wurde mit Hilfe der Qualtrics-Funktion «Randomizer» zufällig eine von vier fiktiven Abstimmungsvorlagen präsentiert. Diese wirkten als Stimuli und variierten entsprechend der Transparenz-Konzeptionalisierung von Porumbescu et al. (2017) bezüglich Detailgrad und Segmentierung: Eine Hälfte der Vorlagen war in Fliesstext, die andere in segmentierter Form mit Aufzählungszeichen und Untertiteln dargestellt. Wiederum die Hälfte der Abstimmungsvorlagen beinhaltete lediglich die wichtigsten Fakten zum Sachverhalt, die andere Hälfte war mit mehr Informationen ausgeschmückt. Somit ergaben sich vier Vorlagetypen:

  1. Hoher Detailgrad, nicht segmentiert
  2. Hoher Detailgrad, segmentiert
  3. Tiefer Detailgrad, nicht segmentiert
  4. Tiefer Detailgrad, segmentiert

Inhaltlich befassten sich die Vorlagen mit (ingenieurs-)wissenschaftlichen und mathematischen Kursen für sozial benachteiligte Schüler/-innen.

In der Verhaltensökonomie werden häufig solche experimentelle Forschungsdesigns verwendet (James et al. 2017; Jilke 2015). Diese haben den Vorteil, dass Stimuli manipuliert und dadurch Aussagen über die Kausalität zwischen Variablen gemacht werden können. Dadurch sind Rückschlüsse auf das Verhalten von Individuen möglich (James et al. 2017). Auch die vorliegende Studie stützt sich auf einen experimentellen Rahmen, genauer auf ein Umfrageexperiment. Diese Form von Experimenten zeichnet sich dadurch aus, dass sie in eine Umfrage integriert sind. Dadurch können sie auf Papier, via Telefon oder online durchgeführt werden (Mutz 2011).

3.2 Subjektives und objektives Verständnis

Die erste Forschungsfrage bezieht sich auf den Effekt der Transparenz auf das Verständnis der Lesenden. Wie in Kapitel 2.2 beschrieben, wird dabei zwischen dem objektiven und dem subjektiven Verständnis unterschieden.

Das objektive Verständnis wurde mit Hilfe von vier Multiple Choice Fragen zu den Inhalten der Abstimmungsvorlagen erhoben. Die Antworten wurden mit 0 bis 3 Punkten bewertet. Dadurch ergeben sich absolute Werte zwischen 0 und 12, wobei höhere Werte einem besseren objektiven Verständnis der Vorlagen entsprechen.

Das subjektive Verständnis wurde mit Hilfe von zwei Fragen erhoben:

  • – Wie gut haben Sie die Vorlage verstanden?
  • – Wenn Sie 7 Fragen zur Vorlage beantworten müssten, wie viele davon könnten Sie korrekt beantworten?

Der ersten Frage stand eine Skala von 1 (sehr schlecht) bis 7 (sehr gut) gegenüber. Durch die Addition der beiden Antworten ergaben sich Werte zwischen 1 und 14, wobei höhere Werte einem besseren subjektiven Verständnis der Vorlage entsprechen.

3.3 Befürwortung der Vorlagen

Die zweite Forschungsfrage betrachtet den Zusammenhang zwischen Verständnis und Befürwortung einer Abstimmungsvorlage. Die Befürwortung wurde auf zwei Arten erhoben.

Einerseits konnten die Proband/-innen ihre Zahlungsbereitschaft für die Forderungen der präsentierten Abstimmungsvorlage angeben. Dies geschah mit Hilfe einer Gleitskala von 0 bis 3, welche einmalige Prozentanteile des jährlichen Einkommens der Probanden darstellte. Daraus ergibt sich eine erste kontinuierliche Befürwortungsvariable. Diese Form der Befürwortungsmessung wurde gewählt, da sie angibt, ob die Proband/-innen bereit wären, für den Inhalt der Abstimmungsvorlage zu bezahlen. Andererseits wurde mit Hilfe einer dichotomen Variablen gemessen, ob die Proband/-innen die ihnen zugeteilte Vorlage annehmen würden oder nicht (Porumbescu et al. 2017).

3.4 Auswertung

Für alle Hypothesen wurden in einem ersten Schritt logistische Regressionsmodelle gerechnet, weil diese jeweils nur eine kategoriale abhängige Variable und mehr als eine unabhängige Variable beinhalteten (Field et al. 2012).

Für die Hypothesen 3.1 und 3.2 wurden zudem multiple OLS-Regressionen durchgeführt, da die abhängige Variable Befürwortung nicht nur dichotom, sondern auch kontinuierlich als Zahlungsbereitschaft abgefragt wurde (Field et al. 2012). Für sämtliche Hypothesentests wird ein Signifikanzniveau von 95% angestrebt.

Um einen zusätzlichen Einfluss auf die abhängigen Variablen zu vermeiden, wurde für das Alter, das Geschlecht, das Bildungsniveau, das monatliche Netto-Einkommen und die politische Ausrichtung kontrolliert. Diese fünf soziodemografischen Kontrollvariablen wurden aufgrund von Literatur, welche vergleichbare Analysen durchführte, ausgewählt. Porumbescu et al. (2017) nutzten ebenfalls das Alter, das Bildungsniveau, das monatliche Netto-Einkommen und die politische Ausrichtung als Kontrollvariablen. Cook et al. (2010) kontrollierten für das Geschlecht. Die Operationalisierung fand wie folgt statt: Das Alter konnten die Umfrageteilnehmenden in Jahren angeben. Beim Geschlecht hatten sie die Auswahl zwischen männlich (1), andere (2) und weiblich (3). Das Bildungsniveau wurde mit der höchsten abgeschlossenen Ausbildung abgefragt: «Sekundarschule» (1), «Berufslehre» (2), «Gymnasium» (3), «höhere Fachschule» (4), «Bachelor» (5), «Master» (6), «PhD» (7) und «Andere» (NA). Für die Angabe des monatlichen Netto-Einkommens standen den Probanden folgende Kategorien in CHF zur Verfügung: «Weniger als 1’000.-» (1), «1‘000.- bis 2‘499.-» (2), «2‘500.- bis 3‘999.-» (3), «4‘000.- bis 5‘999.-» (4), «6‘000.- bis 7‘999.-» (5), «8‘000.- bis 9’999» (6), «10‘000.- oder mehr» und «Keine Angabe» (NA). Da ein grosser Teil der Probanden Studierende mit tiefen Einkommen waren, wurden die unteren Kategorien kleiner gewählt als die oberen. Auf diese Weise konnte mehr Varianz erreicht werden. Danach konnten die Probanden ihre politische Ausrichtung angeben: «Links» (1), «Eher Links» (2), «Mitte» (3), «Eher Rechts» (4) oder «Rechts» (5).

Zur Prüfung der Hypothesen 3.1 und 3.2 wurden zudem drei weitere Kontrollvariablen abgefragt. Erstens gaben die Proband/-innen an, ob sie den Schweizer Staat als effizient, fair und vertrauenswürdig einschätzen. Die drei Werte zwischen 1 («Nein») und 5 («Ja») wurden der Vorgehensweise von Edlund (2006) folgend zur Variable «Staatsvertrauen» summiert. Diese Variable wird verwendet, weil sie sich auf die Befürwortung einer Vorlage auswirken kann. Vertrauen Stimmberechtigte dem Staat, sind sie auch eher bereit, Vorlagen anzunehmen (Edlund 2006; Shwom et al. 2010). Zweitens wurde gefragt, ob die Proband/-innen der Meinung seien, dass der Schweizer Staat grundsätzlich hohe Ausgaben haben soll. Durch die Aufnahme der Meinung zu den Staatsausgaben wird ein zweidimensionales Bild der politischen Ausrichtung der Probanden gezeichnet: Es wird nicht nur die Rechts-Link-Einstellung abgefragt, sondern auch das gewünschte Ausmass staatlicher Intervention (Bryson und McDill 1968). Auch hier bestanden fünf Antwortmöglichkeiten von «Nein» (1) bis «Ja» (5). Drittens mussten die Proband/-innen angeben, ob Sie der Meinung seien, dass ihnen die präsentierte Sachvorlage persönlich nützt. Die Teilnehmenden hatten die Auswahl zwischen «Nein» (1), «Eher Nein» (2), «Eher Ja» (3) und «Ja» (4). Diese letzte Variable wurde aufgenommen, um für die Rational Choice Theorie zu kontrollieren (Downs 1957).

In der Folge werden die Resultate der Datenanalyse präsentiert.

4. Resultate

4.1 Kein Einfluss des Detailgrads auf das Verständnis

Tabelle 2 zeigt die Resultate der logistischen Regressionen, welche zur Überprüfung der Hypothesen 1.1 und 1.2 durchgeführt wurden. Die erste und dritte Spalte zeigen die isolierten Effekte des Detailgrads auf das objektive (Modell 1) resp. subjektive Verständnis (Modell 3). Im zweiten und vierten Modell werden diese Effekte dargestellt, wenn gleichzeitig die soziodemografischen Kontrollvariablen Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Einkommen und politische Ausrichtung konstant gehalten werden.

Tabelle 2

Zusammenhang zwischen Detailgrad und Verständnis.

Abhängige Variable

Objektives Verständnis Subjektives Verständnis

(1) (2) (3) (4)

Detailgrad –0.07     –0.09     –0.10     –0.23    
(0.28)     (0.30)     (0.28)     (0.32)    
Alter 0.0002     0.01    
(0.01)     (0.01)    
Geschlecht 0.43*   0.01    
(0.17)     (0.18)    
Bildungsniveau 0.22*   0.14    
(0.10)     (0.11)    
Einkommen –0.01     0.02    
(0.11)     (0.12)    
Politische Ausrichtung –0.21     –0.12    
(0.15)     (0.16)    
Constant 8.50** 7.40** 9.40** 8.80**
(0.20)     (0.90)     (0.20)     (0.96)    
Observations 268     213     268     213    
Log Likelihood –607.00     –464.00     –605.00     –479.00    
Akaike Inf. Crit. 1,217.00     942.00     1,215.00     971.00    

Anmerkungen: * p < 0.05; ** p < 0.01; Standardfehler in Klammern.

Die Modelle 2 und 4 wurden auf Multikollinearität überprüft, da sie mehr als eine unabhängige Variable umfassen. Alle VIFs (Variance Inflation Factors) liegen unter 10, alle Toleranzen über 0.2 und auch die VIF-Mittelwerte sind nicht wesentlich grösser als 1 (Menard 2002). Die Werte sind demnach unproblematisch.

In der ersten Zeile der Tabelle 2 werden die Koeffizienten des Detailgrads dargestellt. Darunter befindet sich in Klammern jeweils der Standardfehler.

Die Resultate zeigen, dass das objektive Verständnis um 0.07 resp. 0.09 Einheiten sinkt, wenn eine Vorlage mehr Details beinhaltet, ceteris paribus. Das subjektive Verständnis sinkt entsprechend um 0.1 resp. 0.23 Einheiten. Dies lässt entsprechend den Hypothesen 1.1 und 1.2 einen negativen Zusammenhang zwischen dem Detailgrad und dem objektiven resp. subjektiven Verständnis vermuten. Keine der vier Koeffizienten sind jedoch auf dem 95%-Konfidenzniveau signifikant. Alle p-Werte sind grösser als 0.05. Die Resultate finden dementsprechend keine Hinweise auf einen signifikanten Effekt zwischen Detailgrad und objektivem resp. subjektivem Verständnis. Die Hypothesen 1.1 und 1.2 können demnach nicht bestätigt werden.

4.2 Kein Einfluss der Segmentierung auf das Verständnis

Die Hypothesen 2.1 und 2.2 befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen der segmentierten Formatierung einer Abstimmungsvorlage und dem Verständnis der Adressat/-innen. Weil die abhängigen Variablen kategorial sind, wurden auch hier logistische Regressionen gerechnet. Die Resultate dazu werden in Tabelle 3 präsentiert. Die Modelle 1 und 3 zeigen denn Effekt der Segmentierung auf das objektive resp. subjektive Verständnis. Die Modelle 2 und 4 beinhalten zudem die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Einkommen und politische Ausrichtung der Proband/-innen.

Tabelle 3

Zusammenhang zwischen Segmentierung und Verständnis.

Abhängige Variable

Objektives Verständnis Subjektives Verständnis

(1) (2) (3) (4)

Segmentierung 0.63*   0.40     –0.03     –0.22    
(0.28)     (0.30)     (0.28)     (0.32)    
Alter 0.0004     0.01    
(0.01)     (0.01)    
Geschlecht 0.43*   –0.001    
(0.16)     (0.18)    
Bildungsniveau 0.22*   0.14    
(0.10)     (0.11)    
Einkommen –0.02     0.03    
(0.11)     (0.12)    
Politische Ausrichtung –0.19     –0.13    
(0.15)     (0.16)    
Constant 8.20** 7.20** 9.30** 8.80**
(0.19)     (0.89)     (0.20)     (0.96)    
Observations 268     213     268     213    
Log Likelihood –604.00     –463.00     –605.00     –479.00    
Akaike Inf. Crit. 1,212.00     940.00     1,215.00     972.00    

Anmerkungen: * p < 0.05; ** p < 0.01; Standardfehler in Klammern.

Auch hier wurden die Modelle 2 und 4 auf Multikollinearität untersucht und die Werte waren unproblematisch.

Wird das erste Modell betrachtet, fällt auf, dass das objektive Verständnis bei segmentierten Vorlagen gegenüber Vorlagen in Fliesstext um 0.63 Einheiten zunimmt (p-Wert = 0.026). Dieses Ergebnis spricht für eine Annahme von Hypothese 2.1. Wird jedoch für soziodemografische Variablen kontrolliert, verschwindet dieser Effekt. Da diese Kontrollvariablen im Kontext von Sachabstimmungen immer relevant sind, muss Hypothese 2.1 verworfen werden.

Die Signifikanz fehlt ebenso, wenn als abhängige Variable das subjektive Verständnis betrachtet wird. Keine der Koeffizienten sind auf dem 95%-Konfidenzniveau signifikant.

Und auch wenn die Werte signifikant wären, würden sie Hypothese 2.2 widersprechen, da die Vorzeichen negativ sind. Auch Hypothese 2.2 wird daher verworfen.

4.3 Teilweiser Effekt des Verständnisses auf die Befürwortung

Tabelle 4 beinhaltet die Resultate zur Überprüfung von Hypothese 3.1. Da die Befürwortung einmal dichotom (Annahme oder Ablehnung) und einmal kontinuierlich in Form der Zahlungsbereitschaft erhoben wurde, wurden sowohl logistische (Modelle 1 bis 3) als auch multiple OLS-Regressionen gerechnet (Modelle 4 bis 6).

Tabelle 4

Zusammenhang zwischen objektivem Verständnis und Befürwortung.

Abhängige Variable

Befürwortung (dichotom) Befürwortung (Zahlungsbereitschaft)

logistisch OLS

(1) (2) (3) (4) (5) (6)

Objektives Verständnis 0.03*   –0.004     0.001     0.06*   –0.01     –0.01    
(0.01)     (0.01)     (0.01)     (0.02)     (0.02)     (0.02)    
Alter 0.003     0.002     0.01*   0.002    
(0.002)     (0.002)     (0.004)     (0.004)    
Geschlecht 0.09** 0.10** 0.09     0.03    
(0.03)     (0.03)     (0.06)     (0.06)    
Bildungsniveau 0.003     0.01     –0.04     –0.06*  
(0.02)     (0.02)     (0.04)     (0.03)    
Einkommen 0.01     0.01     –0.04     –0.03    
(0.02)     (0.02)     (0.04)     (0.04)    
Politische Ausrichtung –0.17** –0.12** –0.39** –0.31**
(0.03)     (0.03)     (0.05)     (0.05)    
Staatsvertrauen –0.002     0.02    
(0.01)     (0.02)    
Staatsausgaben 0.02     0.13*  
(0.03)     (0.05)    
Persönlicher Nutzen 0.16** 0.27**
(0.04)     (0.06)    
Constant 0.37** 0.71** 0.14     0.73** 2.20** 1.00*  
(0.11)     (0.21)     (0.28)     (0.21)     (0.36)     (0.47)    
Observations 268     213     208     266     204     196    
R2 0.02     0.28     0.40    
Adjusted R2 0.02     0.25     0.37    
Log Likelihood –188.00     –126.00     –110.00    
Akaike Inf. Crit. 380.00     266.00     240.00    
Residual Std. Error 0.89 (df = 264)     0.76 (df = 197)     0.69 (df = 186)    
F Statistic 6.30 (df = 1; 264)*   13.00 (df = 6; 197)** 14.00 (df = 9; 186)**

Anmerkungen: * p < 0.05; ** p < 0.01; Standardfehler in Klammern.

Die Modelle 1 und 4 zeigen die isolierten Effekte des objektiven Verständnisses auf die Befürwortung. In den Modellen 2 und 5 wurden zudem die soziodemografischen Kontrollvariablen berücksichtigt. Die Modelle 3 und 6 umfassen zusätzlich die drei Variablen zur Kontrolle von alternativen Theorien der Abstimmungsforschung: Staatsvertrauen, Meinung zu Staatsausgaben und persönlicher Nutzen.

Modelle mit mehr als einer unabhängigen Variablen wurden auf Multikollinearität geprüft. Die Werte sind unproblematisch. Heikel sind hingegen die Residuen der multiplen OLS-Regression: Der p-Wert des Breusch-Pagan-Tests liegt beim Modell 1 bei 0.01 und damit unter dem kritischen Wert von 0.05. Es muss demnach davon ausgegangen werden, dass hier Heteroskedastizität vorliegt, was die Generalisierbarkeit der Resultate einschränkt (Field et al. 2012).

Die erste Zeile in Tabelle 4 zeigt die Koeffizienten des objektiven Verständnisses. Diese sind in zwei der sechs Modelle auf dem 95%-Konfidenzniveau signifikant. Dies ist zum einen im Modell 1 der Fall: Steigt das objektive Verständnis um eine Einheit, so nimmt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Proband/-innen die Vorlage annehmen, um 0.03 Prozentpunkte zu (p-Wert = 0.036). Dieser Effekt verschwindet jedoch, sobald für weitere Variablen kontrolliert wird. Dasselbe Bild zeigt sich beim Effekt des objektiven Verständnis auf die Zahlungsbereitschaft der Proband/-innen: Isoliert ist der Koeffizient von 0.06 auf dem 95%-Konfidenzniveau positiv und signifikant (p-Wert = 0.013), allerdings nicht, wenn für soziodemografische Variablen, Staatsvertrauen, die Einstellung gegenüber Staatsausgaben oder den persönlichen Nutzen kontrolliert wird. Hypothese 3.1 muss daher verworfen werden.

Hinzu kommt, dass Modell 4, welches ausschliesslich das objektive Verständnis als unabhängige Variable beinhaltet, lediglich 2 Prozent der Varianz in der abhängigen Variablen erklären kann (Adjusted R2 = 0.02). Die Modelle mit den Kontrollvariablen erklären hingegen 25 resp. 37 Prozent der Varianz in der Zahlungsbereitschaft.

Die Ergebnisse zu Hypothese 3.2 sind in Tabelle 5 ersichtlich. Auch hier wurden logistische (Modelle 1 bis 3) und multiple OLS-Regressionen gerechnet (Modelle 4 bis 6). Die Modelle wurden analog zu Tabelle 4 aufgebaut, allerdings ersetzt das subjektive das objektive Verständnis als unabhängige Variable.

Tabelle 5

Zusammenhang zwischen subjektivem Verständnis und Befürwortung.

Abhängige Variable

Befürwortung (dichotom) Befürwortung (Zahlungsbereitschaft)

logistisch OLS

(1) (2) (3) (4) (5) (6)

Subjektives Verständnis 0.03** 0.03*   0.02*   0.07** 0.06*   0.04*  
(0.01)     (0.01)     (0.01)     (0.02)     (0.02)     (0.02)    
Alter 0.003     0.002     0.004     0.0003    
(0.002)     (0.002)     (0.004)     (0.004)    
Geschlecht 0.09** 0.10** 0.03     0.01    
(0.03)     (0.03)     (0.06)     (0.06)    
Bildungsniveau –0.002     0.01     –0.05     –0.06*  
(0.02)     (0.02)     (0.04)     (0.04)    
Einkommen 0.01     0.01     –0.02     –0.02    
(0.02)     (0.02)     (0.04)     (0.04)    
Politische Ausrichtung –0.17** –0.12** –0.40** –0.32**
(0.03)     (0.03)     (0.05)     (0.05)    
Staatsvertrauen 0.001     0.02    
(0.01)     (0.02)    
Staatsausgaben 0.02     0.11*  
(0.03)     (0.05)    
Persönlicher Nutzen 0.16** 0.28**
(0.04)     (0.06)    
Constant 0.28*   0.44*   –0.04     0.60** 1.80** 0.82*  
(0.12)     (0.21)     (0.28)     (0.23)     (0.37)     (0.48)    
Observations 268     213     208     265     206     198    
R2 0.03     0.28     0.39    
Adjusted R2 0.03     0.26     0.36    
Log Likelihood –187.00     –124.00     –108.00    
Akaike Inf. Crit. 378.00     262.00     237.00    
Residual Std. Error 0.89 (df = 263)     0.76 (df = 199)     0.70 (df = 188)    
F Statistic 8.20 (df = 1; 263)** 13.00 (df = 6; 199)** 14.00 (df = 9; 188)**

Anmerkungen: * p < 0.05; ** p < 0.01; Standardfehler in Klammern.

Auch hier gibt es in allen Modellen mit mehr als einer unabhängigen Variablen keine Anzeichen auf Multikollinearität. Die Breusch-Pagan-Tests finden im Fall von Modell 4 jedoch eine heteroskedastische Verteilung der Residuen (p-Wert = 0.001). Auch in diesem Fall ist die Generalisierbarkeit der Resultate dementsprechend eingeschränkt (Field et al. 2012).

Die oberste Zeile in Tabelle 5 beinhaltet die Koeffizienten des subjektiven Verständnisses. Die logistischen Regressionsmodelle zeigen, dass die Koeffizienten auf dem 95%-Konfidenzniveau signifikant bleiben, wenn im Modell 2 soziodemografische und im Modell 3 zusätzlich die drei Kontrollvariablen Staatsvertrauen, Staatsausgeaben und persönlicher Nutzen berücksichtigt werden. Die Koeffizienten sind zwar relativ klein aber positiv: 0.03 in Modell 1 (p-Wert = 0.009) und Modell 2 (p-Wert = 0.036) und 0.02 in Modell 3 (p-Wert = 0.048). Für Modell 3 bedeutet dies, dass wenn das subjektive Verständnis um eine Einheit zunimmt, auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Proband/-innen die Vorlage annehmen um 0.02 Prozentpunkte steigt.

Auch in den OLS-Regressionen sind die Koeffizienten des subjektiven Verständnisses durchgehend auf dem 95%-Koeffizient signifikant. Wird der Effekt des subjektiven Verständnisses auf die Zahlungsbereitschaft isoliert betrachtet (Modell 4), ergibt sich ein Koeffizient von 0.07 (p-Wert = 0.01). Nimmt das subjektive Verständnis um eine Einheit zu, steigt auch die Zahlungsbereitschaft um 0.07 Prozentpunkte. Modell 4 erklärt allerdings nur 3 Prozent der Varianz in der abhängigen Variablen (Adjusted R2 = 0.03). Modell 5 erklärt hingegen bereits 26 Prozent. Der Koeffizient liegt hier bei 0.06 (p-Wert = 0.024). Modell 6 kann schliesslich 36 Prozent der Varianz in der Variablen Zahlungsbereitschaft erklären. Der Koeffizient beträgt in diesem Modell 0.04 (p-Wert = 0.045).

Dennoch sprechen die Ergebnisse für einen positiven Effekt des subjektiven Verständnisses auf die Befürwortung von Abstimmungsvorlagen. Hypothese 3.2 kann demnach bestätigt werden.

Im nächsten Kapitel werden die präsentierten Ergebnisse diskutiert.

5. Diskussion

Nachdem die Resultate präsentiert wurden, sollen sie in diesem Kapitel vor dem Hintergrund der in Kapitel 2 erwähnten Literatur diskutiert werden.

Gemäss den Resultaten macht es keinen Unterschied, ob Abstimmungsvorlagen transparent sind oder nicht.

Bezüglich Detailgrad widerspricht dies der Cognitive Load Theorie, auf welcher die Hypothesen 1.1 und 1.2 basieren (Congdon et al. 2011; Fung 2013; Kriesi 2005; Merriënboer & Sweller 2010; O’Neill 2006). Die Ergebnisse unterstützen aber auch nicht die Argumentation von Boeri & Tabellini (2012), Cook et al. (2010) oder de Fine Licht (2014), gemäss welcher mehr Information das Verständnis steigert. Die fehlende Signifikanz spricht vielmehr dafür, dass es keinen Zusammenhang zwischen Transparenz und Verständlichkeit gibt.

Auch wenn die Segmentierung der Abstimmungsvorlagen betrachtet wird, konnte kein signifikanter Effekt auf die Verständlichkeit festgestellt werden. Dies stimmt ebenfalls nicht mit der bestehenden Literatur überein, welche sich über einen positiven Zusammenhang einig ist (Clark et al. 2011; Merriënboer & Sweller 2010; Sweller 2010).

Dennoch ist es wichtig, dass die Abstimmungsunterlagen verständlich sind – und zwar für alle sozialen Gruppen. Nicht nur, weil es die Aufgabe des direktdemokratischen Staates ist, die Stimmbürger/-innen vollumfänglich zu Sachvorlagen zu informieren, sondern auch, weil es ein demokratisches Qualitätsmerkmal ist, wenn alle Stimmberechtigten auch fähig sind, mitzubestimmen (Scharpf 1970).

Es stellt sich die Frage, ob der fehlende Zusammenhang zwischen der Transparenz und dem Verständnis in den vier Abstimmungsvorlagen begründet ist. Um deren Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurde darauf geachtet, dass sie sich nur bezüglich Detailgrad und Segmentierung unterscheiden. Die fehlende Signifikanz sollte demnach nicht durch zusätzliche verzerrende Unterschiede zwischen den Stimuli begründet sein. Allerdings kann argumentiert werden, dass die zusätzlichen Informationen der detaillierten Vorlagen zu wenig hervorgehoben wurden. Zudem hätten noch weitere Informationen integriert werden können. Bezüglich Segmentierung waren die Vorlagetypen jedoch bereits sehr unterschiedlich und eine noch höhere Segmentierung der Hälfte der Stimuli hätte zu sehr unübersichtlichen Vorlagen geführt.

Zudem hat sich die Autorin an den Abstimmungsvorlagen von Porumbescu et al. (2017) orientiert. Diese haben Hinweise darauf gefunden, dass ein tieferer Detailgrad und hohe Segmentierung der Bevölkerung hilft, staatliche Tätigkeit zu verstehen. Auf den spezifischen Kontext von Sachabstimmungen scheint dieser Befund nicht anwendbar zu sein.

Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Verständnis und Befürwortung muss zwischen dem objektiven und dem subjektiven Verständnis unterschieden werden.

Die Tatsache, dass die Proband/-innen die Vorlage (objektiv) verstanden haben, hatte keinen Einfluss auf die Befürwortung der Vorlage – unabhängig davon ob die Befürwortung dichotom oder kategorial betrachtet wurde. Dies widerspricht der Verhaltensökonomie und Vertreter/-innen aus anderen Disziplinen, welche Hinweise darauf fanden, dass Stimmberechtigte, die eine Vorlage nicht verstehen, diese häufiger ablehnen (Cook et al. 2010; Jilke 2015; Madrian 2014; Selb 2008; Bowler et al. 1991; Bowler & Donovan 2000; Lijphart 1997).

Ein erster Erklärungsversuch für den fehlenden Zusammenhang zwischen dem objektiven Verständnis und der Befürwortung wäre, dass die Verhaltensökonomie falsch liegt und klassische Theorien Recht haben. Insbesondere die Rational Choice Theorie (Downs, 1957) scheint ein starkes Argument zu haben: Der persönliche Nutzen, welchen sich die Proband/-innen von den Vorlagen versprachen, verfügten über alle Modelle hinweg über signifikante positive Koeffizienten. Waren Umfrageteilnehmende der Meinung, dass ihnen die Annahme einer Vorlage persönliche Vorteile bringt, nahmen sie diese auch eher an.

Ein zweiter Erklärungsansatz ist, dass das subjektive Verständnis stärker wirkt als das objektive, denn für dieses konnte über alle Modelle hinweg ein signifikanter positiver Effekt auf die Befürwortung festgestellt werden. Dies stimmt überein mit der besehenden Literatur (Cook et al. 2010; Pintrich 1999). Diese geht zudem davon aus, dass das objektive Verständnis an sich nicht reicht, aktiv zu werden. Dafür braucht es das subjektive Verständnis, also das Gefühl, das Gelesene verstanden zu haben (Bandura 1997; Cook et al. 2010). Genau das zeigen auch die Ergebnisse der vorliegenden Studie: Das objektive Verständnis hatte keinen, das subjektive jedoch einen deutlich positiven Effekt auf die Befürwortung der Abstimmungsvorlagen.

Ein dritter Erklärungsansatz besteht darin, dass die Stichprobe nicht repräsentativ für das Schweizer Stimmvolk ist. Die Aussagen des vorliegenden Beitrags sind demnach nicht auf die Grundgesamtheit generalisierbar.

6. Fazit

Dieses letzte Kapitel soll den Bogen schlagen zu den zu Beginn definierten Forschungsfragen. Zudem werden die Limitationen und Möglichkeiten, die Ergebnisse für weiterführende Forschung zu nutzen, diskutiert.

Einleitend wurden zwei Forschungsfragen definiert:

Beeinflusst die Transparenz von Abstimmungsvorlagen das Verständnis der Stimmbevölkerung?

Beeinflusst das Verständnis von Abstimmungsvorlagen deren Befürwortung?

Die erste Forschungsfrage muss aufgrund der Resultate verneint werden. Es wurden ein negativer Effekt für den Detailgrad und ein positiver Effekt der Segmentierung erwartet. Die Datenauswertung konnte jedoch keinen Zusammenhang zwischen den beiden Variablen und dem Verständnis der Stimmbevölkerung aufzeigen. Die Proband/-innen haben alle Vorlagentypen etwa gleich gut verstanden.

Um die zweite Forschungsfrage zu beantworten, muss zwischen dem objektiven und dem subjektiven Verständnis unterschieden werden. Das objektive Verständnis hat keinen Einfluss auf die Befürwortung der Vorlagen. Das subjektive Verständnis führte jedoch dazu, dass sie eher angenommen wurden resp. dass die Proband/-innen eher bereit waren, Geld für die Inhalte der Vorlagen zu bezahlen. Dies bestätigt die These von Bandura (1997) und Cook et al. (2010), gemäss welcher erst das subjektive Verständnis zur Aktion motiviert.

Die vorliegende Studie hat einige Limitationen. Erstens beinhalten die verwendeten Abstimmungsvorlagen generell eher wenig Informationen zum Sachverhalt. In der Realität würden die Stimmberechtigten ihren Entscheid wohl nicht allein auf die Lektüre der Vorlage abstützen, sondern weitere Informationsquellen wie Medien, Abstimmungsempfehlungen von Parteien oder Diskussionsforen konsultieren. Zweitens sind die Proband/-innen nur fiktiv von den Folgen des Abstimmungsausgangs betroffen. Müssten die Probanden tatsächlich über die Vorlagen abstimmen, würden sie sich vielleicht anders verhalten. Drittens wurden im Rahmen des Umfrageexperiments soziodemografische Variablen abgefragt, zu welchen keine entsprechenden Informationen in der Grundgesamtheit zur Verfügung standen. Aussagen zur Repräsentativität der Stichprobe waren in diesen Fällen nicht möglich. Bezüglich Geschlecht und Alter ist die Stichprobe aber nicht repräsentativ für das Schweizer Stimmvolk. Hinzu kommt Heteroskedastizität in zwei Modellen, welche die Generalisierbarkeit der Ergebnisse zusätzlich einschränkt.

Da ein Grossteil der Resultate nicht mit der bestehenden Literatur übereinstimmt, sind weitere Studien in diesem Themenfeld nötig. Interessant wären Untersuchungen, welche Transparenz im Kontext von Sachabstimmungen anders konzeptualisieren oder noch weitere Möglichkeiten berücksichtigen, die Verständlichkeit von Vorlagen zu erhöhen. Gerade Letzteres könnte die Erklärvideos von «VoteInfo» miteinbeziehen. Auch spannend wäre ein Feldexperiment, bei dem den Proband/-innen ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt wird und sie entscheiden müssten, wie viel davon sie für die Inhalte der Vorlagen abzugeben bereit sind. Auf diese Weise könnte die Generalisierbarkeit der Resultate erhöht werden, da die Teilnehmenden tatsächlich von den Folgen der Vorlage betroffen wären.

Konkurrierende Interessen

Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu deklarieren.

Literaturverzeichnis

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